"SEI NICHT SO POLITISCH!" – u.a. mit Peter Grabowski und Yoel Gamzou KW#8

Shownotes

In dieser Folge geht es darum, ob Kultur sich legitimieren muss - und wie politisch sie sein soll. Axel Brüggemann spricht mit der Intendantin des Eclat-Festivals, Christine Fischer, über eine FAZ-Kritik, von Max Nyffeler, die dem Festival zu viel Politisieren vorwirft und mit dem Journalisten und Psychologen Peter Grabowski, der erklärt, warum ihn stört, wenn Claudia Roth von der Kultur erwartet, die Demokratie zu stärken. Außerdem berichten der Dirigent Yoel Gamzou und die Autorin Lou Olmeir von einer denkwürdigen Aufführung an der Wiener Staatsoper, und der Pianist Frank Dupree überrascht mit seiner genialen Intro-Version. Gemeinsam mit Dorothea Gregor von der Bertelsmann-Stifftung bespricht Brüggemann natürlich auch das aktuelle Klassik-Geschehen und sucht drei Paarungen, die einander Liebeslieder singen sollten. Macht einfach mit: Die Noten zum Jingel gibt es wie immer unter www.allesklarklassik.de, Eure Interpretationen schickt bitte gern an redaktion@allesklarklassik.de

Kommentare (3)

Max Nyffeler

Liebe Christine, ich lasse das gerne mal so stehen. Anmerken möchte ich bloß, dass meine Kritik tiefer zielt, nämlich auf den ganzen - pardon! - maroden Neue-Musik-Betrieb, der, wie Du ja auch durchblicken lässt, nur dank staatlicher und halbstaatlicher Gelder (und ich füge an, dank Kulturamtsleitern wie Herrn Gegenfurtner) am Leben gehalten werden kann. Als Menetekel an der Wand steht die inzwischen fünfzig Jahre alte Frage von Hansjörg Pauli, "Für wen komponieren Sie eingentlich?". Aber lass uns über diese nicht lösbaren Probleme demnächst unter vier Augen ein bisschen ausführlicher sprechen. Es wird bestimmt ein interessantes Gespräch werden. Weitere Posts hier bringen nichts.

Christine Fischer

Lieber Max, wahrscheinlich ist das hier nicht das richtige Forum, um über die Breite eines Festivalprogramms zu diskutieren. Aber kannst Du wirklich einem Programm, das 46 Werke von Oscar Bianchi, Sven-Ingo Koch, Isabel Mundry, Ying Wang, Georges Aperghis, Hugues Dufourt, Gordon Kampe über Chaya Czernowin, Clara Iannotta, Annesley Black, Carola Bauckholt, Robin Hoffmann, Lisa Streich bis hin zu Anna Sowa, Trond Reinholdtsen, Simon Løffler, Liping Ting oder Christoph Ogiermann u.v.a.m. vorstellt, einen gesellschaftspolitisch verengten Hintergrund vorwerfen? Da ist nichts grün, Max! Und auch "Top Down" ist ein grobes Missverständnis. Es gibt einige Werke im Programm (die Komponisten könnten es Dir berichten), denen ich skeptisch gegenüberstand, die ich aber ins Festivalprogramm genommen habe, weil (!) ich Widersprüche (auch meine eigenen) wichtig finde. Es geht nicht um meinen "gesellschaftspolitischen Horizont" (kennst Du den?). Meine kuratierende Aufgabe besteht darin, aus einem unvorstellbar breiten Spektrum und sehr, sehr vielen künstlerischen Angeboten und Sehnsüchten so auszuwählen, dass wir dem ECLAT-Publikum an 5 Tagen mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln einen möglichst breiten Horizont aktuellen künstlerischen Schaffens vorstellen. Ein Spagat zwischen Künstler:innen-Förderung und Publikums-Herausforderung. Und je mehr ich selbst von den künstlerischen Konzepten verstehe, desto besser kann ich die Werke auch dem Publikum nahebringen. Das nenne ich "begründen" - nicht politisch, sondern künstlerisch. Wir geben weder außermusikalische Themen vor, noch wollen wir formal oder strukturell einengen. Wir wollen ermöglichen - vor dem Hintergrund größtmöglicher künstlerischer Freiheit. Übrigens kenne ich von Claudia Roth nur Einlassungen, die die absolute Freiheit von Kunst fordern: z.B. https://www.deutschlandfunk.de/claudia-roth-kulturstaatsministerin-green-culture-100.html. Bedenke doch, welchem Rechtfertigungsdruck die Kunstförderung derzeit ausgesetzt ist, und wie großartig es ist, wenn jemand die gesellschaftliche Bedeutung, ja die Unverzichtbarkeit von Kunst in einer demokratischen Gesellschaft herausstreicht - um im gleichen Atemzug die Freiheit der Kunst zu postulieren. Die Forderung richtet sich doch an die Gesellschaft und nicht an die Kunst! Und diese Kernaufgabe habe ich auch in dem ziemlich eingekürzten Gespräch mit Axel Brüggemann zu beschreiben versucht. Es braucht die Leute, die ihren breiten Rücken hinhalten und nicht müde werden, Partner und Förderer zu finden, DAMIT Kunst frei bleibt, damit sie unterschiedlichste widersprüchliche unbequeme oder auch bequeme Haltungen einnehmen kann und sich eben NICHT selbst begründen muss! Das ist mein Credo, Max, und das kannst Du jedem unserer Festivalprogramme ablesen. Wahrnehmungsfilter…?

Max Nyffeler

Ein gutes Gespräch mit Christine Fischer. Sie verrät uns über ihre Veranstalterpolitik mehr, als ihr selbst wohl lieb sein dürfte. Zum Beispiel über Tendenz, dass Kunst heute wieder einmal unter Begründungszwang gestellt wird: "Der Künstler muss mir das gar nicht begründen, sondern ich muss begründen, warum ich dieses Werk programmiere." Hinter dieser Äußerung verbirgt sich nicht nur ein völlig überholtes, progressiv verbrämtes Top-down-Denken im Stil von „Le festival, c‘est moi“ (will sie denn die Verantwortung für unmündige Komponisten übernehmen?), sondern sie bekennt sich auch offen – und vielleicht unfreiwillig – zu den durchaus kritikwürdigen Entscheidungskrierien. Éclat ist offensichtlich der Typ eines Intendantenfestivals, in dem die Leitung die Künstler in erster Linie danach aussucht, wie weit sie in ihren gesellschaftspolitischen Horizont hineinpassen. Und dies im Einvernehmen mit dem Stuttgarter Kulturamtsleiter Marc Gegenfurtner, wie man auch dessen Grußadresse entnehmen konnte. Bei diesem Wahrnehmungsfilter, der nur durchlässt, was dem eigenen Denkraster entspricht, gelten musikalische Kriterien offenkundig als zweitrangig. Das scheint ein Grundmuster der grünen Kulturpolitik zu sein, die in Stuttgart schon seit längerem ein Versuchsfeld findet; sie erwartet von der Kunst „Haltung“ und belohnt Staatsnähe mit Aufträgen. Von breiter Information über das gegenwärtige Geschehen kann bei einem solchen Festivalkonzept keine Rede mehr sein, auch nicht von Freiheit der Kunst. Ich finde diese Entwicklung bedauerlich. Christine Fischer hat doch früher eine viel breitere Auswahl von Werken und Komponisten vorgestellt, und ich wage noch immer zu hoffen, dass diese zweifellos sehr fähige Organisatorin den Weg zurück ins Offene findet. Die politischen Scheuklappen stehen ihr nicht gut.

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